
Was derzeit in Kalifornien geschieht – durch das Brennglas von Social Media und klassischen Medien betrachtet – erinnert an die düstere Prognose jenes Russen, der einst den Untergang der USA an die Wand malte.
Ich musste den Namen googeln: Igor Panarin.
Panarin, russischer Politologe und ehemaliger KGB-Analyst, warb Ende der 1990er Jahre mit einer These, die westlichen Untergangsfantasien schmeichelte: Bis spätestens 2010 – er legte sich auf Juni oder Juli fest – würden die USA kollabieren.
Bürgerkrieg. Zerfall in sechs Teilrepubliken. Einflusszonen für China, Mexiko, Kanada.
Und Alaska geht an Russland.
Spätestens am 1. August 2010 war klar: reine Fiktion.
Doch die Dynamik, die Panarin damals benannte, ist heute realer denn je: ein überdehntes Imperium, das sich unter innerem Druck zu destabilisieren beginnt.
Und genau das scheinen wir zu erleben: Ein Imperium, das aussenpolitisch an Kraft und Richtung verliert – und im Inneren kippt: in Richtung Autokratie, Polarisierung, institutionellen Verschleiss.
Der Einsatz der ICE ausgerechnet in Grossstädten wie Los Angeles und Chicago, wo man mit Grossdemonstrationen rechnen muss (und nicht in den Landwirtschaftsstaaten, wo ohne Illegale der Wirtschaftsmotor zu stottern begänne) als bewusste Provokation?
Die Nationalgarde auf den Strassen.
Und die Drohung, gewählte Amtsträger festzunehmen, falls sie sich gegen ICE-Razzien stellen – der Gouverneur, die Bürgermeisterin von Los Angeles.
Brennende Autos, geplünderte Läden, zehntausende Demonstranten.
Hat Trump zum Ziel, im liberalen Kalifornien durch Notrecht durchzuregieren?
Was wir erleben, lässt sich mit einem Begriff aus der Systemtheorie* fassen: „Soft Collapse“. Kein plötzlicher Zerfall, kein Zusammenbruch mit Knall – sondern ein langsames, funktionelles Versagen.
Ein Staat, der nach aussen intakt erscheint, kann innen längst dysfunktional sein.
Die USA zerfallen nicht territorial, wie Panarin es voraussagte. Sie zerfallen funktional. Der äussere Rahmen steht noch – aber der innere Zusammenhalt zerbricht in Werteblasen, in kulturelle Parallelwelten.
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*Hartley & Kuecker (2021): „A system’s movement from ordered complexity toward disordered simplicity, during which the integrity of system complexity is not entirely lost while the system, to some extent, enters a liminal state with an uncertain outcome. During a soft collapse, failures of the hegemonic epistemic and its policy manifestations produce observable systemic destabilization and decline.“
Daniel Flury meint
Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Hühnerauge zu entfernen: Entweder man nimmt Pflaster oder Tinktur, oder dann nimmt man den Bimsstein.
Hier wird wohl der Bimsstein eingesetzt, obwohl noch nicht ganz klar ist, ob die Reibung die Reibung verursacht hat, oder die Reibung die Reibung.
Es sind halt Amerikaner, da weiss man nie, was nach den Werbeunterbrechungen neues kommt.