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Ich bin so voreingenommen wie ein Trump-Anhänger

15. Oktober 2024 By Manfred Messmer

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Ich muss ehrlich zugeben, dass mich die aktuellen Umfragewerte irritieren.

Wie kann es sein, dass Trump – jemand, der häufig groben Unsinn von sich gibt, dessen Aussagen selten einem Faktencheck standhalten und der regelmässig Lügen verbreitet – so viele Amerikaner begeistert? Ein Präsidentschaftskandidat, der seine vermeintlichen Gegner in Justiz und Behörden mit Vergeltung droht und dessen potenzielle Amtszeit im Grunde nur Chaos verspricht?

Selbst die meisten seiner früheren hochrangigen Mitarbeiter warnen vor ihm und beschreiben ihn als gefährlich und unberechenbar.

Ich erkläre mir das damit, dass wir in Europa oft nur die Oberfläche sehen und das tiefe Gefühl der Verbundenheit, das viele Amerikaner ihm entgegenbringen, nicht wirklich nachvollziehen können.

Hinzu kommt, dass in Europa andere Werte im Fokus stehen: Soziale Sicherheit, kollektive Verantwortung, gesellschaftlicher Ausgleich, Work-Life-Balance und eine gemässigte politische Rhetorik. Trump weicht in all diesen Punkten stark von der europäischen Mentalität ab, weshalb seine Ansichten und sein Auftreten für viele Europäer befremdlich wirken.

Doch ähnlich wie Europäer, fühlen auch viele Amerikaner, dass ihre Werte und ihr Lebensstil bedroht sind. Es ist daher kein Zufall, dass sich um Trump ein Personenkult entwickelt hat, der ihn für seine Anhänger zu einer Symbolfigur für Stärke, Erfolg und „Widerstand gegen das System“ macht.

Dabei spielt eine Entwicklung eine Rolle, die wir zunehmend auch bei uns beobachten: Die wachsende Kluft zwischen der Wirklichkeitswahrnehmung der Medien und der Alltagsrealität der Bürger.

Kommunikationswissenschaftlich betrachtet, wird die Bedeutung einer Nachricht letztlich durch die Interpretation des Empfängers bestimmt, unabhängig von der ursprünglichen Intention des Absenders. Entscheidend ist, wie der Empfänger eine Nachricht versteht und diese, seine Interpretation in seinem Umfeld weiterverbreitet – das bestimmt die tatsächliche Wirkung der Kommunikation.

Und nun zurück zu der Frage, warum mich die Umfragewerte so irritieren, (denn trotz aller Vorbehalte wünsche und hoffe ich aus Vernunftgründen, dass Harris gewinnt).

Letztlich bin ich auch nicht anders als ein Trump-Anhänger: Wenn ich meine X-Timeline lese, unterliege ich ebenfalls dem „Confirmation Bias“ – d.h., ich suche, interpretiere und bewerte vor allem Informationen, die meine eigenen Überzeugungen und Erwartungen bestätigen.

Auch ich neige dazu, Informationen, die meiner Meinung widersprechen, zu ignorieren oder abzuwerten. Meldungen hingegen, die meinen Erwartungen und Überzeugungen entsprechen, nehme ich befriedigt zur Kenntnis; und die stammen halt überwiegend aus dem Harris-Lager und von liberalen US-Medien.

Deshalb kann ich an meiner Hoffnung festhalten, selbst wenn sie durch die aktuellen Umfragewerte ziemlich infrage gestellt wird.

Kategorie: Einsichten, Politik Stichworte: US-Wahlen

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Leser-Interaktionen

Kommentare

  1. gotte meint

    15. Oktober 2024 um 13:28

    die welt ist bedroht wie noch nie. die klimakatastrophe ertränkt, verwindet, überflutet, verschüttet, versandet und verbrennt die bewohnten und bewirtschafteten gebiete inzwischen täglich irgendwo auf der welt – man berichtet kaum mehr darüber.

    es toben kriege ohne jede bindung an das humanitäre völkerrecht, wir schauen auf x zu, wie soldaten in schützengräben feuer fangen, sehen, wie geiseln misshandelt werden, nehmen zur kenntnis, dass kriegsgefangene lächerlich gemacht und erschossen werden. dass uns dies egal ist und dass wir uns kräftig in der scheinproblembewirtschaftung üben – das scheint mir die tatsächliche «kluft zwischen der wirklichkeitswahrnehmung der medien und der alltagsrealität der bürger» zu sein: dass wir wirklich meinen, dass unser eigenes leben auf der wohlstandsinsel schlecht sei.

  2. unterbaselbieter meint

    15. Oktober 2024 um 12:57

    Harris ist eben auch für viele im Land wohnende keine Hoffnung (mehr).
    Und die müssen es am besten wissen, sprich erleben die USA jetzt täglich im täglichen Leben….
    „Experten“-Link über die USA-Wahl (Debatte aus dem Hotel Marriott, Ballsaal Millenium, Neumühlequai in Zürich von vor einigen Tagen). Ich war live dabei. Klärt auf. Diese Zeit sich zu nehmen und diese Debatte zu schauen lohnt ungemein:
    https://www.youtube.com/watch?v=Y-d1mS2wxzU
    Es gibt eben noch ander Sichten wie Tamedia, Ringier und Spiegel….
    Danke fürs Veröffentlichen. Horizontereweiterung ist immer gut. Seis via MM (!) oder via Streitgespräche, Podien usw… die es bei uns viel zu wenig (immer weniger) gibt…

    • U. Haller meint

      15. Oktober 2024 um 14:25

      Vielen Dank für diesen Input. Interessante Debatte, habe diese schon weit gestreut. Übrigens sollte man nicht nur Tamedia, Ringier und Spiegel anprangern. Auch die etablierten US-Medien haben nichts anderes gemacht, als die schwammige Bilanz von Kamala Harris unisono zu beschönigen. Ihre Aussenpolitik ist schlicht eine Blackbox, was nicht zuletzt auch Biden angelastet werden muss. Ich könnte ihr jetzt seitenlang ankreiden, was man ihr bezüglich Russland/Ukraine und Israel vorwerfen kann. Zudem: Wie verhält sie sich zu China, das eine beispiellose militärische Aufrüstung vorgenommen hat und im Pazifischen Ozean und auch im Atlantik die USA bedroht? Trump ist zweifellos nicht der ideale Kandidat. Seine Lügen und Verdrehungen irritieren auch mich. Und doch ist er das kleinere Übel. Das ist zwar kein Kompliment, aber das Fazit sorgfältigen Abwägens.

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