
Für die US-Army stellte sich mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Sommer 1940 die Frage, ob man den einberufenen „Citizen Soldiers“ eine ebensolche Kampfmoral beibringen kann, wie den Soldaten der bisherigen Berufsarmee.
Nicht wenige hegten ernsthafte Zweifel, ob es gelingen könne, aus Farmern, Büroangestellten, Handelsreisenden, Fabrikarbeitern, Hochschullehrern, Postboten, dazu noch alles demokratische Mitbürger, eine schlagkräftige Armee zu formen.
Zu Lande, zu Luft und zur See.
Zumal man mit Deutschland und Japan einem Feind gegenüberstand, dessen ebenfalls zwangsrekrutierten Männer schon von klein auf für den Krieg gedrillt wurden. Und damit angeblich weitaus besser darauf vorbereitet waren, Befehlen blindlings zu gehorchen.
Wie inzwischen auch Ignoranten wissen, war die „Citizen Soldiers-Armeen“ der USA, Kanadas und Englands, entgegen allen Bedenken, den beiden Diktatorenarmeen vernichtend überlegen. (Die Russen konnten nur mithalten, weil sie von den USA mit notwendigem Kriegsgerät versorgt wurden.)
Wir erleben derzeit eine durchaus vergleichbare Situation des Zweifels.
Es gilt die verbreitete Auffassung, dass das russische Regime, die Hamas-Führung in Gaza, die iranischen Mullahs, die Kommunisten in China den „westlichen Staaten“ insofern überlegen seien, als diese ihr Ziel – die Vernichtung des Westens, oder im Falle Chinas: die Dominanz über den Westen – scheinbar ohne inneren Widerspruch umsetzen können.
Ganz so, wie die Deutschen seinerzeit zu brüllen pflegten: „Führer befiehl, wir folgen.“
Doch jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir im Westen einsehen müssen, dass die Appeasement-Strategien der letzten Jahrzehnte – Wandel durch Handel mit Russland und China; Hilfsgelder in Milliardenhöhe für Gaza und das Westjordanland, um die Gemässigten zu stärken -, dass diese Strategien allesamt gescheitert sind.
Es gehört zwar zum guten Ton, zu sagen: „Wir stehen fest an der Seite der Ukraine“ und öffentliche Gebäude und den Social-Media-Account mit ukrainischen Flaggen zu schmücken.
Mit der Angst im Nacken, dass wenn die Ukrainer von den Russen überrannt werden, wir als nächstes dran seien.
Mit der hasenfüssigen Hoffnung auf „vielleicht“.
Also lieber keine Panzer (Schweiz) und keine Taurus-Marschflugkörper (Deutschland) in die Ukraine schicken, wir könnten ja den Zorn Putins auf uns lenken.
Seit Samstag gilt dieses „Wir-stehen-fest-an-der-Seite“ nun auch für Israel.
Es bitzeli, weil wir Angst davor haben, dass der Hamas-Terrorismus auch nach Europa überschwappen könnte.
Wenn wir den Israelis allzu fest zur Seite stehen.
Deshalb fürchten wir uns, Sätze zu sagen, geschweige den überhaupt zu denken, wie: „Die russische Armee muss vernichtend geschlagen werden.“ Und: „Israel muss die Hamas ein für alle mal auslöschen.“
Mit allen notwendigen Mitteln.
Die Nachkriegsgenerationen des befreiten Europas fürchten sich vor solchen Sätzen, weil damit das gehätschelte Bild vom ewigen Frieden zusammenbricht. Ein Weltbild das verdrängt, dass dieser Frieden, eine Goodwill Pax Americana ist, durchgesetzt von einer Citizen-Soldier-Armee.
Doch letzten Samstag haben wir nun endgültig den Punkt erreicht, wo es für niemanden mehr in Europa, auch für die ach so neutralen Schweizer, ein sich davonschleichen gibt.
Seien wir doch alle nett miteinander, dann wird schon gut – diese Lebenslüge ist zerstört.
Wenn die westlichen Demokratien – stellvertretend die Ukraine und Israel – den Kampf gegen Russland und Hamas verlieren, dann gehen wir alle zusammen unter.
Und das ist keine hysterische Schwarzmalerei.
Die Citizen-Solders Israels und der Ukraine müssen gewinnen, koste es, was es wolle.
Michael Przewrocki meint
In 1. Weltkrieg haben die Ukrainer die Heimatstadt meiner väterlichen Familie, einige von den 7 Onkel und Tanten bereits auf der Welt, 6 Monate lange belagert. Die Grenze weiter im Osten-Lemberg Lview gehörte zu Polen. Das Familienanwesen praktisch an den Fortwänden am Hügel. Hab Reste gesehen. Liegt lieblich in Mulde an der San. Vater (1921-2018) wurde 1927 innert 3 Monaten zum Waisen. Ist hierher geflüchtet als Einzigem. Der letzte Internierte starb kürzlich 100 jährig in Warschau. Der älteste wurde 103. Heute kommen die Flüchtlinge in der 15km entfernten Grenzstadt Medyka nach Polen. Gehen hinein und wieder zurück je nach Situation. Onkel soll als Primarschüler jüdische Läden bewacht haben. Er wurde Familienoberhaupt. War immer Händler/Kapitalist, sein Sohn wurde wohlhabend, wurde 2013 entführt und 2017 tot aufgefunden.
Andrea Müller meint
Ist denn überhaupt noch Krieg in der Ukraine? Ich höre/lese nichts mehr davon.
Michael Przewrocki meint
Schade dass Sie nicht SRF-Korrespondent geblieben sind, dann könnten wir hier genaueres über die Tragödien erfahren.
Rampass meint
Der mit der Panzerlieferung haben wir jetzt zur Genüge gehört. Es war Mitte-Links, welche die Waffenausfuhr Ende 2021 massiv erschwert hat. Punkt.
Dieselben, die jahrelang von „Friedensdividende“ schwafelten, waren die Ersten, welche plötzlich Waffen ausführen wollten. Wie glaubwürdig ist denn das!
Man muss die erwähnten Sätze nicht mal denken. Den Geldhahn abdrehen reicht. Und zwar ASAP.
Wenn der hiesige Mainstream weiterhin softe Begriffe wie „Milizen“ und „Kämpfer“ verwendet für Terroristen, welche wahllos Zivilisten abschlachten, dann belügt der sich selber. Dieses positive Framing ist nach all den publizierten Bildern und Videos definitiv tot.