• Zur Hauptnavigation springen
  • Zum Inhalt springen
  • Zur Seitenspalte springen

arlesheimreloaded

Mäuse schultern Elefanten. Seit 2005.

  • Home
  • Datenschutz

Die Sache mit dem Hakenkreuz

23. Februar 2016 By Manfred Messmer

https://youtu.be/D8HEY6rpDRU

Was mich am „Roman eines Schicksallosen“ des ungarischen Schriftstellers Imre Kertész fasziniert, ist dieser Perspektivewechsel, den man schon nach wenigen Seiten erlebt.

Statt aus heutiger Sicht zurückzuschauen auf das Schicksal eines fünfzehnjährigen Budapester Juden, der nach Auschwitz deportiert wird – wir wissen ja, wie’s ausgegangen ist – versetzt uns Kertész mit seiner nüchternen Sprache zurück in den Zustand, der für Millionen von Juden und anderer Deportierter damals die schlichte Realität war: in die völlige Ahnungslosigkeit darüber, was danach und danach und danach und danach mit einem geschehen wird.

Der deutsche Komiker Mittermeier hat diese bekannte Szene, wo er erzählt, wie er sich mit seiner Freundin den Film „Titanic“ anschaut und als Bratt Pitt die Gangway hochgeht er ihm im Kinosaal zuruft: „Geh nicht auf dieses Schiff – ES WIRD SINKEN!“ Das ist deshalb witzig, weil er die Pointe des Films verrät, die alle kennen.

Wenn also in der gerade aktuellen politischen Diskussion in der Schweiz einmal mehr der Nationalsozialsmus herhalten muss, gar zum Hakenkreuz gegriffen wird, um die aktuelle politische Lage vermeintlich mit dem Warnruf auf den Punkt zu bringen: „Pass auf – das könnten Nazis sein“, dann ist das keine Pointe, obwohl jeder weiss, dass Adolf tot ist und mit ihm die Nazibewegung unterging.

Diese Art der Argumentation verstellt den Blick auf die Gegenwart und selbst-täuscht darüber hinweg, dass man die Umwälzungen, die uns scheinbar wie ein Strudel in die Tiefe ziehen, genau so wenig versteht, wie die, denen man unterstellt, sie seien verblendete Anhänger eines Verführers.

Klammer: Interessant ist, dass die Diskussion, die in der Schweiz in Sachen Zuwanderung stattfindet, in allen anderen europäischen Ländern entlang der selben argumentativen Frontlinien geführt wird; selbst in einem Common-Sense-Land wie England.

Es gilt deshalb die Perspektive zu ändern, damit man das aktuelle, uns tatsächlich betreffende Phänomen, nämlich der Untergang der Mitgliedschaftsparteien und der Aufstieg der Monothematischen Shitstormbewegungen, analysieren kann. Und verstehen kann, was sich da eigentlich genau abspielt.

Wenn schon zurück in die Geschichte schauen, dann könnte man die Jugendunruhen der 80er-Jahre als Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion wählen. Die Forderung „Freie Sicht aufs Mittelmeer“ ist so absurd, wie der Wunsch nach einer von Straftätern befreiten Schweiz. (Warum soll ein Schweizer Einbrecher ein besserer Mensch als einer aus dem Kosovo sein?)

Wenn wir auch künftig davon ausgehen müssen, dass es in der Politik keine auf Dauer gültigen Antworten gibt, das Ganze vielmehr eine Addition von Fehlentscheiden und Irrtümmern ist, die hin und wieder zu glücklichen Zufällen führen, die Summe aller Probleme also immer gleich bleibt, kann man die überwiegende Anzahl offener Fragen etwas nüchterner angehen.

Weil es folgerichtig immer nur um Schadensbegrenzung geht.

PS: Der Bürgerkrieg im Kongo kommt ins 22ste Jahr, der peruanische – völlig aus den Schlagzeilen verschwunden – ins 36ste und in Afghanistan kämpfen sie schon seit 37 Jahren gegeneinander. Warum also sollten wir ernsthaft davon ausgehen, dass der syrische Bürgerkrieg in ein, zwei Jahren beendet wird? Eine Einsicht, die konsequenterweise zu einer anderen Flüchtlinspolitik führen müsste.

Kategorie: Südamerika 2016 Stichworte: Chile

Über Manfred Messmer

Der Autor war zwölf Jahre Journalist: Freelancer, zeichnender Redaktor, stv. Chefredaktor, New-York-Korrespondent, Chefredaktor zweier Wochenzeitungen; CEO und Mitherausgeber von bazonline. 1986 bis 2024 Gründer und Senior-Partner messmerpartner PublicRelations.
Sie erreichen mich: arles.prodigy052@passmail.net

Seitenspalte

Kommentare

  • Daniel Flury zu Serienuniversum
  • Baresi zu Serienuniversum
  • Franz zu Serienuniversum
  • Isaac Reber zu Der Plan eines Plans
  • Siro zu Der Plan eines Plans
  • Isaac Reber zu Der Plan eines Plans

Letzte Beiträge

  • ScreenshotSerienuniversum
    14. September 2026
    Nein, damit will ich mich gar nicht erst beschäftigen: mit dieser politischen Kakophonie auf allen […]
  • Riebli peterDie Beute
    11. September 2026
    Bei den nationalen Wahlen 2027 zeichnet sich im Baselbiet eine neue Normalität ab: Wer für den […]
  • SnapseedEin Hoch aufs Staatsversagen II
    10. September 2026
    Wenn wir gestern ein Hoch aufs Staatsversagen gesungen haben, kommen wir nicht umhin, die Leute zu […]
  • Kantonsspital Baselland Standort BruderholzEin Hoch aufs Staatsversagen
    9. September 2026
    In Liestal schaut jede Kommission durch ihre eigene Brille auf dasselbe Spital. Die […]
  • IMGDer Plan eines Plans
    8. September 2026
    Isaac Reber tritt ausgerechnet in jenem Moment ab, in dem sein grösstes Vermächtnisprojekt zur […]
  • ScreenshotRutschung.
    7. September 2026
    Die politische Verschiebung im Osten Deutschlands lässt sich an meinen Lesegewohnheiten ablesen. […]
  • Mermaid diagramDer Dorfbach und das Deutungsmonopol
    4. September 2026
    Citoyens haben heute ganz andere Möglichkeiten der politischen Mitwirkung als noch vor zwei, drei […]

Kategorien

Transparenzhinweis

Dieser Blog arbeitet mit Claude (Anthropic) und ChatGPT (OpenAI) als analytischer Komponente, konfiguriert durch einen Masterprompt mit festen Analyseparametern. Die Texte stammen von mir; Verantwortung und Redaktion sind vollständig menschlich.

Claude und ChatGPT lieferern Analyse, Recherche und Gegenargumente in Echtzeit — nicht als Ghostwriter, sondern als kritisches Korrektiv.

Das System operiert im Modus ⟦1:1⟧: eine funktionale Allianz getrennt arbeitender neuronaler Netze.

Für die Nachwelt gespeichert

web analytics


Online seit dem 22. September 2005

Copyright © 2026 · Genesis Sample On Genesis Framework