Von der Porta Alpina zur Galleria Alpina II: Die Schweiz ist mehr als Schokolade, Kuhglocken und Bergidyll

Die Schweiz leidet an einem grundsätzlichen Problem: Es gibt kein „Spiel“-Geld, das heisst, es gibt keine Mittel für Projekte, die beispielsweise einfach fürs Prestige des Landes verwirklicht werden. Eine Ausnahme bildet jeweils die Expo, wobei auch dort gilt, dass man bei Beginn des Entscheidungsprozesses aus Systemgründen mit jeweils unrealistisch tiefen Kosten rechnet.

Deshalb muss das Land sich fortdauernd in Probleme reden. Denn nur wo ein Problem beklagt wird, können auch Mittel beschafft werden, um das Problem zu lösen. Wichtig ist dabei, dass die Problemlösungsmittel gerecht übers Land verteilt werden, dass keine „Leuchttürme“ entstehen, die den Rest überstrahlen könnten.

Bei der Lösung von Problemen und auch bei deren Finanzierung ist die Schweiz einsame Spitze. Was die ausländischen Teams nebst der Ingenieurs- und Bauleistung an der Alpentransversale am meisten ins Staunen brachte, war die Tatsache, dass der NEAT-Gotthardtunnel am Tag seiner Eröffnung auf Franken und Rappen bezahlt ist. Das gibt es nur in der Schweiz.

Die Argumentationslinie, die wir für die Porta Alpina gezeichnet haben, gilt deshalb auch für das Projekt „Galleria Alpina“, wobei wir gleich eingangs festhalten wollen, dass es sich hier nicht um einen Bahnhof ohne Halt handelt, sondern um die zweite, genauso realistische Idee. Sie lässt jedoch – anders, als wenn man die unterirdischen Anlagen nur noch für technische Einrichtungen der SBB nutzt (dritte Variante) – die Möglichkeit offen, dereinst doch noch auf die Bahnhofsidee zurückgreifen zu können.

Mit der Galleria Alpina wollen wir eine völlig andere Idee über die künftige Nutzung der Räume in der Ausweichstelle in Sedrun zur Diskussion stellen. Ausgangspunkt dieser Ideen ist ein spektakuläres Bauwerk, nämlich der längste Eisenbahntunnel der Welt sowie die längste Liftanlage der Welt, welche die Besucher aufs Niveau der Alpentransversale bringt.

Die vorhandenen Räume sollen genutzt werden, durchaus zur Unterhaltung. Die Besucherinnen und Besucher sollen den Eindruck vermittelt bekommen, hier in Sedrun etwas Einmaliges erlebt zu haben, eine Empfindung, die den Bogen zur Einmaligkeit der Alpentransversale schlägt.

Zugleich soll diese Nutzung, dieses Bild, das wir vermitteln wollen, eine starke Ausstrahlung in die Schweiz, in die Welt ausüben. Dabei denken wir auch daran, bewusst einen Kontrapunkt zur Vision von Andermatt zu setzen. Beim Projekt „Andermatt Swiss Alps“ handelt es sich um die Fantasie von Investoren und Projektentwicklern.

Ohne dies zu werten, handelt es sich um Bilder und Ideen, wie sich ein künftiges Publikum einen Ferienort in der Schweiz vorstellt. Wir wissen, dass diese Vorstellungen mit der Realität in diesem Land herzlich wenig zu tun hat.

Die Schweiz ist nun mal mehr als Schokolade, Kuhglocken und Bergidyll. Die Galleria Alpina soll deshalb keine gängigen Bilder und Vorstellungen von der Schweiz bedienen, sondern sie soll für diese andere Schweiz, die Schweiz der hochwertigen Technik, der international anerkannten Kreativität, für die Schweiz der Pioniere und ja, auch für die Schweiz der Überraschungen stehen. .

Wir wollen einem internationalen Publikum zeigen, wie sich die moderne Schweiz die Bergwelt auch noch anders denken kann.

Aus: Manfred Messmer / Martin Heller, Bericht zu den Projektideen