Übers Zeitungssterben oder: weshalb ich alle Abos auslaufen lasse

20121124-101154.jpg In den 90er Jahren haben wir jährlich über 3’000 Franken für Printprodukte ausgegeben. Und auch noch 2012 können mich die Verlagshäuser mit rund 1’400 Abo-Franken als überdurchschnittlich interessierten Zeitungsabonnenten einstufen.

Doch damit ist spätestens im März 2013 Schluss. Dann nämlich läuft das letzte Abo aus.

Obwohl wir schon letztes Jahr bei allen Zeitungen und Zeitschriften vom Papier auf E-Paper umgestiegen sind, weil wir meinten, damit die Printprodukte unseren inzwischen völlig veränderten Lesegewohnheiten anzupassen, haben wir schon in diesem Jahr kein einziges Zeitungsabo mehr erneuert.

Wir mussten einsehen: der Wechsel vom Papier zum Tablet bringt nichts – Verlage, aufgepasst: das Tablet bringt euch keine bessere Zukunft – es liegt am Inhalt. Mit 90 Prozent der Nachrichten und Kommentare, für die ich einen inzwischen doch recht happigen Preis bezahlen muss, kann ich nichts anfangen. Zudem ist mir der Erregungsjournalismus, der besonders im Lokalen gepflegt wird – darf Bier-Baschi am Freitag an seiner Waschmaschine hantieren statt regieren? – zuwider.

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Selbst die NZZ kann mit dem breiten News- und Kommentar- und Hintergrundangebot nicht mithalten, auf das ich dank des iPads zugreifen kann, das mir über Twitter und RSS ohne mein Zutun 24/7 gratis hochgeladen wird.

Für internationale News, Schwerpunkt Naher Osten habe ich unter anderen Aljazeera, IDF-Spokesperson, Haaretz, Hamas-Info. Weltnews liefert mir Reuters. Für Wirtschaftsnachrichten habe ich u.a. businessinsider und den economist.

Darüber hinaus liefern mir realclearpolitics, Politico, Salon, Daily Beast die wichtigsten Kommentare und Nachrichten aus den USA. Gescheite Analysen bekomme ich von amerikanischen und europäischen Think Tanks. Welt- und andere Nachrichten liefert mir beispielsweise der Guardian.

Statt des täglichen Kommentars in “meiner” Tageszeitung, lese ich jetzt regelmässig zwei Blogs von, wie mir scheint, weitaus originelleren Schreibern, als sie sagen wir, bei der Basler Zeitung beschäftigt sind.

Darüber hinaus habe ich jede Menge Blogs zu Themen abonniert, die mich auch noch interessieren und die jeweilige aktuelle politische Erregungslage in der Schweiz Wellen, bekomme ich dank inzwischen vielen twitternden Journalisten live mit.

Ich könnte die Liste noch verlängern.

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All diese News werden auf meinem Tablet aus dem Hause Apfel dank der Gratis-App “Flipboard” zu einem gut gemachten Magazin aufbereitet, in einer leserfreundlichen Form also, wie sie noch von keinem einzigen Schweizer Verlagshaus für ihr Produkt zur Verfügung gestellt wird.

Doch wie gesagt, es liegt nicht an der Darreichungsform, es liegt am Inhalt.

Als Medienjunkie habe ich Zugang zu wirklich interessanten Kommentaren und Analysen. Weltweit. Und bekomme sie in dem Moment geliefert, in dem sie veröffentlicht werden. Und dann gibt es ja auch noch Fernseh- und Radionachrichten.

Die Verlagshäuser und Journalisten können das Argument, sie würden als Dienstleistung die Nachrichten aufbereiten, einordnen und werten, von mir aus noch lange wie eine heilsverheissende Monstranz vor sich hertragen: Fakt ist, ich bin selbst in der Lage, einzuordnen und zu werten. Ich bin sogar ohne Verlagsangestelltenhilfe in der Lage, mir eine eigene Meinung zu bilden.

Wer hätte das gedacht.

Es stellt sich demnach die Kernfrage: Weshalb soll ich zeitlich getaktete, von mehr oder weniger kompetenten Lohnarbeitern nach deren Redaktionsprogramm und Gusto zusammengestellte Nachrichtenpakete kaufen, wenn ich mich in den nach meinen individuellen Interessen zusammengestellten Nachrichtenstrom direkt (und gratis) einklinken kann?

Um sich als Leser Gehör zu verschaffen, muss man keine Leserbriefe mehr schreiben.

Mit anderen Worten: die Zeitungsverlage können mich abschreiben. Ich komme nicht mehr zurück. Ich werde mein Geld in Zukunft statt in Zeitungen und Zeitschriften, in Bücher investieren.

Es gibt da noch ein paar Autoren, auf deren kluge Gedankengänge, anregende Fantasien, deren sprachliche Brillanz ich neugierig bin. Weil ich überdies Englisch als Zweitlesesprache beherrsche, reicht das weltweite Angebot an Lesenswertem sowieso bis zum Rest meiner Tage.

PS: Nein, das Nachrichtengeschäft wird nicht untergehen. Nur die meisten Zeitungsverlagsprodukte, auch wenn sie ihr Heil online zu erreichen suchen, werden verschwinden.

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Comments

  1. Und hier der Link zum Thema (auch wenn ich nicht weiss wie ich ihn “aktiv” machen kann):

    http://25.media.tumblr.com/tumblr_m4jkycqDqu1qjixwso1_500.gif

  2. Scheint mir der typische Adieu-Reflex (-Pups?) eines vom Journalismus zur PR Konvertierten zu sein:
    Pile shit on your past.
    Und wer, MM, zahlt Aljazeera, Haaretz, Reuters, Economist?

    • M.M. says:

      Das kann mir doch völlig egal sein. Deren Geschäftsmodell ist, mir wichtige Meldungen gratis zim Lesen zur Verfügung zu stellen. Aber man soll sich nicht täuschen, es gibt interessante Beiträge im Netz auch von Nichtjournalisten ausserhalb von Medien. Im PR-Business bin ich seit 26 Jahren, nebenbei bemerkt.

  3. Nichts ist so alt, wie die Zeitung von heute morgen. Bis die Nachricht bei dpa/ap/afp/etc. übern Ticker geht, von einem Redakteur für würdig befunden ist, ins Layout eingepasst wurde und dann auch noch gedruckt, haben dpa/ap/afp/etc. schon 5 Korrekturen losgeschickt und in Wahrheit war alles ganz anders. Echten Journalismus kann man mit der Lupe suchen, also kann ich mir die News auch im Internet ungefiltert/unzensiert oder zumindestens aus verschiedenen Quellen besorgen und mir selbst meine Gedanken dazu machen. Den Meinungsjournalismus, den die Tageszeitung sowie Spiegel/Stern etc. abliefern, brauche ich als selbst denkenden Menschen nicht mehr. Ich bilde mir gern selbst eine Meinung.

    Ich gehe vollkommen d’accord mit dem Autor. Altpapier, nein Danke!

    • U. Haller says:

      Ich kannte – im Ernst! – in jungen Jahren noch Bekannte im reichen Domdorf. Da gab’s kein Klopapier, sondern da lag ein Stapel PTT-Telefonbücher. Musstest du mal, dann konntest du dich mit Bischofszell (Band 7, wenn ich mich recht erinnere) und den Seiten Ae(Aegerter) – Am(Amrein) säubern. Bei uns gibt’s keine Telefonbücher mehr auf dem Örtchen, auch keine Zeitungen. Aber diese waren dennoch nützlich, um die vielen nassen Schuhe der Jungmannschaft zu stopfen. Zeitungsabo BaZ ist auch ausgelaufen (selbst wenn ich anerkennen muss, dass diese deutlich besser geworden ist). Fast papierloser Haushalt. Und auch in meinem vorgerückten Alter gehöre ich zu den Digitaljunkies. Tempora mutantur. Zum Glück. Weiss nur noch nicht, wie man die nassen Schuhe künftig ausstopfen soll.

  4. Ich bin sprachlos, dass von einem so erfahrenen Medienmenschen und ehemaligem Journalisten zu lesen. Wenn Sie mit der Qualität von Zeitungen nicht zufrieden sind, ist das eine Sache. Aber das Argument, dass Sie keine (deutschsprachigen) Journalisten mehr brauchen, um Nachrichten einzuordnen, ist absurd, weil nur auf ausländische Medien ausweichen. Und es ist irritierend, dass Sie sich so sehr über Ihre Gratis-Presse freuen. Als ob Sie selber nicht am besten wissen würden, dass Journalismus Geld kostet und auch digital zunehmend global für den Leser Geld kosten wird. Alles kann nun mal mit Werbung und Anzeigen nicht finanziert werden. Und das ist auch gut so, weil es Leser sonst nicht genug schätzen.

    • Icke_ says:

      @ Jan Söfjer
      “Und es ist irritierend, dass Sie sich so sehr über Ihre Gratis-Presse freuen.”

      Es ist überhaupt nicht irritierend! Jemand, der bereitwillig nach eigenem Bekunden ein paar tausend Franken pro Jahr in Presseerzeugnisse (im ABO!) investiert, darf doch sicher eine entsprechende GEGENLEISTUNG erwarten.

      Das Problem ist hier nicht der PREIS, sondern dass, was man für sein Geld bekommt.

      Klar kostet Journalismus Geld. Aber in erster Linie zahle ich doch nicht Geld für eine Zeitung, damit all die armen Leute, die ihren Lebensunterhalt mit dieser Zeitung verdienen müssen, ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit haben?!? Ich will eine entsprechende GEGENLEISTUNG!!! Und wenn ich die nicht bekomme, wofür soll ich dann bitte zahlen?

  5. Martin says:

    … kenne ich genauso – und nein, es geht nicht um Blogs versus Zeitungen oder so, sondern schlicht um gelebte Realität.

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