Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten
Volksvertreter per Los bestimmen?
Von M. M., 27. September 2007 – 20:57:00
In der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft kommen sie tatsächlich vor, die politischen Parteien und zwar im Art. 137.:
Die politischen Parteien wirken an der Meinungs- und Willensbildung des Volkes mit.
Man kann das jetzt so interpretieren, dass die Parteien dem Volk als eine Art Polit-Coach dienen. Es ist keineswegs zwingend, dass die Parteien auch gleich noch die Macht im Land unter sich aufteilen.
Ohne Parteien keine Demokratie?
Wir sind der festen Überzeugung, dass es ohne Parteien keine Demokratie geben kann. Die Parteienoligarchie, die exklusive Herrschaft einiger weniger Parteigänger, scheint uns so selbstverständlich, dass dieser Zustand von niemandem hinterfragt wird. Denn ein Staat ohne Parteien ist nichts anderes als eine Diktatur.
Aber das muss nicht sein, wenn wir die Wiege der direkten Demokratie, den Stadtstaat Athen aus dem Keller der Geschichte holen. Als 500 vor Christus die Macht des Adels gebrochen wurde, konnte für die nächsten zweihundert Jahre jeder Bürger an der Volksversammlung sowie an den Gerichtsversammlungen teilnehmen, war jeder Bürger befugt, ein Amt zu bekleiden.
Athen als Vorbild
Interessant ist jedoch, dass in der Urzelle der Demokratie nur in Kriegszeiten Wahlen stattfanden. Ansonsten wurden die Repräsentanten für den Rat der 500 und anderer Gremien unter den 30'000 Bürgern per Losentscheid bestimmt. Die Amtszeit war beschränkt und es durfte niemand zweimal hintereinander dasselbe Amt ausüben.
Damit hatte jeder einmal die Chance, ein öffentliches Amt zu übernehmen, Verantwortung fürs Gemeinwesen zu tragen. Diese Art von Demokratie war derart selbstverständlich, dass beispielsweise Aristoteles Wahlen als Begleiterscheinung, wenn nicht gar als die Ursache der verhassten Oligarchie sah.
Das Problem bei unseren Wahlen wird inzwischen von vielen erkannt: Wir bekommen nicht das, was man uns verspricht. Wir kaufen die Katze im Sack. Es wird nach den Wahlen genau gleich weitergewurstelt wie vor den Wahlen. Kürzlich habe ich irgendwo den bemerkenswerten Satz gelesen, wirklich wählen könnten wir nur noch im Supermarkt.
Auf ewig wiedergewählt
Hervorzuheben ist die Tatsache, dass einmal gewählt, so ein Amtsträger solange im Amt bleiben kann, wie es ihm oder ihr beliebt. Das können doch glatt zwanzig oder noch mehr Jahre sein. Bestätigungswahl nennt man dann dieses Drehen im Polit-Hamsterrad beschönigend.
Ein Abweichen von dieser Regel gibt's nur dann, wenn jemanden das Schicksal einer ungünstigen Reststimmenkonstellation ereilt. Konsequenz: In Baselland werden alle Bisherigen wieder gewählt, das ganze Wahltheater dreht sich um den einen Sitz der CVP, der unzeifelhaft wieder von dieser Partei besetzt werden wird.
Da Parteigänger zu einer Minderheit in diesem Land geworden sind, die Bedeutung der Parteien im Schwinden ist, kann man sich durchaus Gedanken darüber machen, wie die Macht im Land anders verteilt werden könnte.
Nehmen wir doch das Jammern der Parteien über den respektlosen Wahlkampf und all die Lügen, die da vom jeweils anderen verbreitet werden ernst – und ändern die Regeln.
50 Prozent der Sitze per Los
Beispielsweise so, dass fünfzig Prozent der Sitze in den Parlamenten per Losentscheid verteilt werden, für eine einmalige Periode von sieben Jahren. Demgegenüber müssten sich gewählten Vertreter nach vier Jahren wieder zur Wahl stellen und könnten höchstens für zwei Amtsperioden gewählt werden.
Führen wir doch das Athener Modell als erstes auf Stufe Gemeinde an. Statt den Parteien die Sitze im Gemeinderat zu überlassen, werden die Gemeinderäte und der Gemeindepräsident sowie die übrigen Gremien per Losentscheid bestimmt. Absurd? Von mir aus.
- 4.0
- | Kategorie: Wahlen '07
Tags:
Technorati-Tags:
Kommentare
Kommentare als RSS-Feed
Losentscheide? keine gute Idee
- Von: Liberelle
- , 28. September 2007,
- 06:49
Ich will mir mein Recht darauf, zu wählen von wem ich mich vertreten lassen will, nicht nehmen lassen. Es gibt sogar einige Zeitgenossen, von denen ich mich nie im Leben vertreten lassen will. Ich teile M.M.'s Zuversicht in keiner Weise, dass wir mit per Losentscheid ermittelten Volksvertreterinnen und -Vertretern besser fahren würden. Was zum Beispiel, wenn das Los jemanden trifft, der das gar nicht will? Oder jemanden, der das offensichtlich nicht kann? Sollen alle zu Alten, Kranken etc. von vornherein ausgeschlossen werden? Würde es eine Tauglichkeitsprüfung für die Zulassung zu dieser Lotterie geben?
Es ist schon richtig, dass sich die Leute zur Verfügung stellen, die sich engagieren wollen und der Bevölkerung die Wahl lassen. Einen Beitrag dazu, dass mehr Bewegung in Wahlen kommt, könnten Medien, Blogmaster etc. leisten, indem sie sich etwas weniger auf ihre Archive und etwas mehr aufs Recherchieren konzentrieren würden. Sie würden neue Personen, neue Ideen und viel Einsatzbereitschaft vorfinden, wenn sie sich stärker mit erstmals Kandidieren oder kleineren Parteien auseinandersetzen würden.
Warum müssen zum Beispiel in praktisch jeder Arena des Schweizer Fernsehens Vertreterinnen und Vertreter der vier Bundesratsparteien am Tresen stehen? Die hätten ja eigentlich satte Mehrheiten im National- und Ständerat und längstens für die Umsetzung der wortreich postulierten Wahlziele sorgen können.
Warum ist für M.M. die Bekleidung auf einem Foto von Andreas Burckhardt das Thema und nicht die Motivation, Ideen und Ziele von erstmals Kandidierenden? Von Jonas Schwarz auf der Liste des jungen Grünen Bündnisses oder von Gabi Ess auf der Liste 3 (um nur mal zwei Beispiele zu nennen)?
Schön wäre es, wenn diejenigen, die durch Herumhacken auf Politikerinnen, Politikern und Parteien insbesondere vor Wahlen jeweils ihr Mütchen kühlen müssen, durch eigenes Engagement einen Beitrag dazu leisten würden, damit alles besser wird.
Durchsichtiger Sack
- Von: Martin Müller
- , 27. September 2007,
- 22:24
Wir wissen, dass wir nicht das erhalten, was man uns verspricht. Dann wissen wir doch, wie die Katze aussieht, oder irre ich mich?
Backlinks
- http://search.live.com/results.aspx?q=parteien&mrt=en-u…
- http://www.google.de/search?hl=de&q=obama+wahlziele&met…
- http://search.live.com/results.aspx?q=parteien&form=QBH…
- http://www.mein-parteibuch.com/blog/2007/10/03/gedanken…
- http://www.google.ch/search?hl=de&q=%22Gabi+Ess%22&star…
- http://www.google.ch/search?hl=de&q=Volksvertreter+CVP&…
- http://www.google.de/search?hl=de&q=konnte+an+der+Volks…
- http://www.google.de/search?hl=de&q=hier+tragen+die+vol…
- http://search.live.com/results.aspx?q=parteien
- http://de.forestle.org/search.php?q=losentscheid+wahlen
- http://www.mein-parteibuch.com/blog/2007/10/03/gedanken…
Manfred Messmer ¦ online relations
- Steiler Anstieg der älteren Generation in Social Networks
- Gesosocial Universe ? Zahlen und ein neuer Begriff
- Wie funktioniert das eigentlich, diese Suchmaschinenoptimierung?
- Vier wirklich nützliche iPad Apps
- Hunch für Hans Dampf im Schnoogeloch
- iPad-Nutzer wollen die Tageszeitung auf ihrem iPad lesen
- Was tut eigentlich ein Social Media Manager den ganzen Tag?
- Jedes Unternehmen ist ein Kommunikationsunternehmen!
- Wie, verdammt, soll man sich denn in Social Networks engagieren?
- Täglich 200?000 Android Smartphones
Suche:
Der Autor
Manfred Messmer ist seit 1986 Berater für strategische Kommunikation und war zuvor während zwölf Jahren als Journalist tätig.
...weiterlesen
Blog abonnieren
Per E-Mail abonnieren:
RSS steht für Really Simple Syndication und ist ein Plattform unabhängiges Format, um Informationen im Web auszutauschen. RSS wurde entwickelt, um Nachrichten über das Web zu verbreiten. Mittlerweile hat sich RSS zu einem weitverbreiteten Standard für den automatisierten Austausch von Onlineinhalten aller Art (Blogs, Foren etc.) entwickelt.
Aktuelle Kommentare
Re: Re: Re: Re: Das stimmt in der Tat...
Klimaforschung einordnen? Problematisch!
Jedenfalls...
lepus
Re: Naher Osten: Alle hätscheln ihr Feindbild
Ich staune immer wieder über die breite der Themen,...
Paule
Reflexe
Da zieht Manfred Messmer in Sachen Klima wieder einmal...
Markus Heiniger
Re: Re: Re: Das stimmt in der Tat...
Da begeben Sie sich sprichwörtlich auf dünnes Eis!...
Durchreisender
Auch ich bin dafür, dass das Ding gebaut wird
Ich liebe Hochhäuser und Basel braucht mehr davon,...
Th. Schaad
Re: Es gibt nichts mehr zu leugnen: Klimawandel ist da
Wenn man sein eigenes marktwirtschaftliche Versagen...
Th. Schaad
Re: Es gibt nichts mehr zu leugnen: Klimawandel ist da
Ich musste laut lachen, als ich das gelesen habe. Tatsahe...
E.J.
Re: Re: So sehen Basler Sieger aus
"Die Mode ist so hässlich, daß man sie alle sechs Monate...
Th. Schaad
Re: Re: Das stimmt in der Tat...
Richtig, wir sind ja nicht bei den Juristen hier. In...
Felix Strebel
Re: Habt ihr schon mal eine echte Leistung von
Herr Messmer muss gar keine von den von Ihnen aufgeführten...
Th. Schaad
Blogroll
Arlesheim im Netz
Status
Online seit 1310 Tagen
Zuletzt aktualisiert:
02. September 2010, 19:24:24

Dieses Weblog untersteht der Creative Commons Lizenz.
Powered by ![]()












Bravo - Double M. for Pope!
"Führen wir doch das Athener Modell als erstes auf Stufe Gemeinde ein. Statt den Parteien die Sitze im Gemeinderat zu überlassen, werden die Gemeinderäte und der Gemeindepräsident sowie die übrigen Gremien per Losentscheid bestimmt. Absurd? Von mir aus."
Absolut nicht absurd, werter Double M., bravo! (Selbstverständlich wären die Ämter ehrenamtlich, sprich unentgeltlich, auszuüben - oder?). Die Situation würde signifikant besser! Was die Mitglieder von BastA bis SVP bieten - exklusive LDP, natürlich - ist schlimmer, als was man auf der Place Pigalle so an Widrigkeiten erlebt ...