Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten
Vier Varianten und ein Thema
Von M. M., 04. Dezember 2007 – 17:37:00
Weshalb ausgerechnet jetzt die US-Geheimdienste zur Auffassung gelangten, das iranische Atomprogramm habe sich in Bezug auf die Atombombe in Luft aufgelöst, wird wohl für einige Zeit im Dunkeln bleiben.
Weil die Journalisten genauso wenig wissen wie Sie und ich, was die Geheimdienste so alles treiben und was sich in den diplomatischen Kulissen in den letzten Wochen abgespielt hat, bleibt einigen von ihnen nichts anderes übrig, als an der bekannten Linie festzuhalten:
Diplomatisches Debakel für Bush. Ein peinlicherer Rückschlag für die Iran-Strategie des Weissen Hauses ist kaum vorstellbar. (Spiegel)
Diesen Sätzen liegt die doch etwas naive Annahme zugrunde, da seien gestern die Chefs der Geheimdienste ins Oval Office gekommen und hätten einem zuerst verdutzten, dann zerknirschten Herrn Bush gesagt: "Sorry, Mr. President, wir haben uns getäuscht!"
Offensichtlich können sich Journalisten nicht vorstellen, dass beide Seiten recht happy sind über diese öffentliche Reaktion, dass diese gar bewusst einkalkuliert wurde. Ich stelle das deshalb fest, weil derartige Szenarien mit gewünschten Reaktionen eben auch von Unternehmen durchgespielt werden. Weil ich mir das vorstellen kann, behaupte ich mal: die USA und der Iran haben sich indirekt oder vielleicht auch direkt abgesprochen.
Solche Inszenierungen gehören zum Alltag des unternehmerischen Handelns, gerade dann, wenn sich aufgrund geänderter Umstände die Möglichkeit auftut, aus einer verfahrenen Situation heraus zu einer Win-Win-Strategie zurückzufinden. Ich rede hier aus Erfahrung. (Analogie: Alinghi und Oracle könnten beispielsweise zu einer für die Öffentlichkeit überraschenden Lösung finden, weil ja beide den America’s Cup segeln wollen). Deshalb lasst uns gemeinsam etwas spekulieren und kommen zur
Variante 1: Den Geheimdiensten der USA ist ein spektakulärer Durchbruch gelungen. Alle früheren Berichte waren völlig falsch. Obwohl es einige Leute gibt, welche es lieber hätten, dass der Iran an einem Nuklearprogramm arbeitet, hat man den letzten Beweis nicht erbringen können. Das wäre früher oder später an die Öffentlichkeit gelangt, also Flucht nach vorne, damit man in Ruhe weiterarbeiten kann.
Variante 2: Die Sanktionen greifen, innenpolitisch ist der Iran schlechter dran als unsere Medien berichten (können), ergo: Die Iraner wollen aus der Isolation raus und in Verhandlungen eintreten, also haben sie den Amerikanern einen Blick hinter die Kulissen gewährt. Bleibt allerdings die Vermutung, dass die Iraner nur zeigten, was sie zeigen wollten. Aber sie schufen zumindest die Voraussetzung, wieder ins Gespräch zu kommen.
Variante 3: Die Amerikaner verfügen über derart viele Informationen, so dass diese Puzzleteile zu völlig unterschiedlichen Bildern zusammengefügt werden könnten, die Erkenntnisse also gross sind, sich aber keine taugliches Handlungsmuster ableiten lässt. Auch das ist ein Szenario, das durchaus der Problemstellung eines Verwaltungsrates oder einer Konzernleitung entspricht. Ich erlebe das immer wieder.
Variante 4: Die Erkenntnis, die sich durchgesetzt hat: Ein gültiges Bild zu bekommen, ist derzeit nicht mehr so wichtig, wie noch vor ein paar Monaten. Denn vor dem Hintergrund der Erfolge der US-Armee im Irak, beginnt sich die Lage in der Region Richtung Entspannung zu verändern. Dies ist garantiert an der Konferenz in Annapolis von letzter Woche, zur Sprache gekommen, es waren ja sowohl die Syrer als auch die Saudis dort.
Okay, das sind Spekulationen. Aber dieser Bush-Bashing-Reflex der Medien ist mir persönlich einfach suspekt. Schliesslich geht es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen auf allen Seiten. Der Dollar wird steigen, die Ölpreise sinken und Iran kann den innenpolitischen Druck zurückfahren.
Sollte ich mit diesen Überlegungen annähernd richtig liegen, dann wird es in den nächsten Monaten zu Gesprächen zwischen der USA und den Europäern einerseits und Iran auf der anderen Seite kommen, welcher Art auch immer.
Denn zumindest eines hat der Bericht der Geheimdienste erreicht – es wurden festgefahrene Positionen aufgegeben, ja der eigentliche Gesprächsblocker ist von der Strasse geräumt.
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- | Kategorie: International
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Manfred Messmer ¦ online relations
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Der Autor
Manfred Messmer ist seit 1986 Berater für strategische Kommunikation und war zuvor während zwölf Jahren als Journalist tätig.
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Das mit iBooks tönt gut, habe ich aber nicht begriffen....
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Was auch noch ein Grund sein könnte
Nicht zu vergessen, dass es auch innerhalb der US-Regierung und der nahestehenden Beratern unterschiedliche Meinungen zum Irankrieg gibt (siehe der von Ihnen verrissene Gastbeitrag bei Online-Reports).