Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten

Kommunikationsflop der Militärs

Man sollte sich ja davon hüten, anderen gute Ratschläge in Sachen Kommunikation zu erteilen. Wir tun es trotzdem: Die Kommunikationsarbeit der Schweizer Armee in Sachen Bergunglück (oder ist es doch ein Lawinenunglück?)  im Berner Oberland ist unprofessionell und deshalb schlecht. 

Das fängt bei dem mehr als dürren ersten und bis heute letzten Pressecommuniqué an: 

Nach dem tödlichen Bergunfall an der Flanke der Jungfrau im Kanton Bern hat die Militärjustiz eine vorläufige Beweisaufnahme gegen Unbekannt eingeleitet. Es handelt sich dabei um ein übliches Verfahren nach einem Unglücksfall. Derzeit laufen die Untersuchungen zusammen mit den zivilen Behörden und zivilen Experten des Eidg. Schnee- und Lawinenforschungsinstituts (SLF), der Gebirgsspezialisten der Kantonspolizei Bern und der Rechtsmedizin Bern. Mit ersten Ergebnissen der Untersuchung ist nicht vor Oktober zu rechnen. 

Wer so kommuniziert, muss sich nicht wundern, wenn anschliessend die Kommunikationsarbeit von den Medien übernommen wird. Denn die Journalisten stehen anders als die Kommunikationsverantwortlichen des VBS unter Konkurrenzdruck. Diese müssen bei einer derart emotionalen Geschichte am Ball bleiben, gerade jetzt mitten im Nachrichtensommerloch. Wer professionell kommunizieren will, muss auch einen solchen Umstand als zusätzliche Gegebenheit in seine Arbeit mit einbeziehen. 

Es ist immer wieder erstaunlich, dass man sich von verantwortlicher Seite fast reflexartig darauf versteift, zu einem von einem selbst festgelegten Zeitpunkt das nach allen Seiten abgesicherte Endergebnis bekannt zu geben, im vorliegenden Fall nicht vor Oktober!

Als ob sich die Medien oder die Öffentlichkeit sich um eine solche interne Vorgabe scheren würden. Nein, auf ein solches Unglück von jungen Rekruten in den Schweizer Alpen will man (zurecht) sofort Antworten haben. 

Wenn offizielle Quellen nicht in der Lage oder Willens sind, Antworten auf die anstehenden Fragen zu geben, die Öffentlichkeit bei allem gebotenen Respekt vor den Verunglückten und deren Angehörigen am Aufklärungsprozess teilhaben zu lassen, dann übernehmen diesen Job einfach andere. Ob einem das nun passt oder auch nicht. 

Mit der Öffentlichkeit angemessen zu kommunizieren bedeutet nicht, sich an den Spekulationen zu beteiligen. Es gilt:

  • Lage analysieren (was weiss man bis jetzt).
  • Krisenteam bestimmen und Lageraum beziehen.
  • Sprecher bestimmen (von jetzt an gibt nur noch einer Auskunft).
  • Es wird nur das gesagt, was zuvor schriftlich festgelegt und verteilt wurde (verhindert Spekulationen).
  • Kommunikationsmittel bestimmen (Kadenz der Pressemitteilungen festlegen, Termine für Pressekonferenz(en) festlegen, Leitmedien bestimmen, Internetkommunikation etablieren).
  • Den Samstag wegen der Sonntagszeitungen als Arbeitstag einberechnen.
  • Chef dosiert an die Front schicken.
  • Ein Muss: Termin der nächsten Mitteilung bekannt geben.

Im Übrigen gilt, dass nicht das Telefon sondern die eigene Website der erste und wichtigste Kanal für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist.

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Voreilige Schlüsse

Hier pauschal den Kommunikationsverantwortlichen Unprofessionalität vorzuwerden und sie zum Abschuss freizugeben ist unseriös.

Wer schon einmal in solche einem extrem multifaktoriellen Umfeld mit vielen Unwägbarkeiten und kaum zu verhindernden Querschlägern eine Krise kommunikativ managen musste, der weiss wie schwierig das ist.

Ich möchte ja nicht wissen, wie gut Sie an der Stelle eines der Kommunikationsverantwortlichen im VBS performt hätten. Mit Steinen zu werfen ist immer heikel, vor allem wenn man selber auch ab und zu ins Glashaus zu sitzen kommt. Deshalb: "Si tacuisses, philosophus mansisses", Herr Messmer.

gewiss, so macht man es

  • Von: hahaha
  • , 17. Juli 2007,
  • 22:18

richtig.

Aber wer glaubt schon einer Armee, die "gut" kommuniziert?

Oktober ist als Zeitpunkt genau richtig gewählt. Dann sind Wahlen.

Jede Meldung, egal welchen Inhalts, über die 6 Wehrmänner, die irgendwann im Sommer ... gestorben sind, wird in die Randspalten gedrückt. Da müsste es schon heissen: die Armee ist 100 Prozent schuld, damit das noch eine Headline gibt.

Selbst wenn dies so wäre, würden wir es nie erfahren.

Und ob die Armee dies nun miserabel oder ganz genau nach Messmer-Manual verklickert, ist den Adressaten, also der Mehrheit unserer Gesellschaft weniger wichtig als das Bier bei der Hitze.

praktisch

  • Von: spot
  • , 17. Juli 2007,
  • 15:39

hey, wirklich praktisch Dein How-to für Krisen-Kommunikations-Management.

Mit diesen wenigen Punkten kommt man Kommunikationstechnisch aus dem meisten Kriesen wieder einigermasen sauber raus.

Ausser man muss von betrunkenen Sicherheitsverantwortlichen in Kernkraftwerken berichten, da ist die Faktenlagelage allein schon ein kommunikativer Alptraum.

Drängende Frage

Angesichts der schon fast bedrohlich hohen Anzahl an Kommunikationsberatern, die sich in unserem Lande ganz offensichtlich über Wasser halten können, also auch gebucht werden, und der unübersichtlichen Anzahl an angebotenen Krisenkommunikationsseminarien stellt sich eine Frage immer drängender: Können die Berater ihren Klienten den Stoff nicht vermitteln oder begreifen die Klienten einfach nichts? Sie dürfen auslesen. ;-)

Das Problem heisst "Chef"

  • Von: wb
  • , 17. Juli 2007,
  • 16:45

Krisen machen immer betroffen. Zuerst diejenigen, die dafür verantwortlich sind oder sich mindestens verantwortlich fühlen müssten. Und die haben ihre eigene Sicht der Dinge. Nämlich die der Betroffenen. Und nicht die der Zielgruppe, die informiert werden will. Kommunikationsberater haben aber genau diese Gruppe im Visier. Ihnen geht es in erster Linie um zeit- und faktenbasierte Information. "Chefs" sind aber diejenigen, die über die Kommunikation im Krisenfall entscheiden. Und dies ist die eigentliche Fehlleistung. Der hängt einfach am falschen Ende des Fernrohrs. Und dies führt dann dazu, dass im "Krisenhaus" zwar die Information über die "richtige" Kommunikation vorhanden wäre, aber eben, ... die "Chefs" wollen eben vertuschen, sich ins rechte Licht rücken, beschwichtigen, verharmlosen, herunterspielen, auf Zeit spielen etc. M.M. beschreibt dann das Resultat.

Re: Drängende Frage

  • Von: M.M.
  • , 17. Juli 2007,
  • 15:39

Das ist die Frage, die ich mir auch gestellt habe. Die vom VBS - das ist ja ein Kriseninterventionsbetrieb - haben sicher schon Dutzende entsprechender Weiterbildungskurse besucht. Das Problem liegt meistens darin, dass man in Trockenübungen zwar alles genau festlegt. Wenn der Fall der Fälle dann eintrifft, die Stützen einer Krise weg sind oder alles über den Haufen geworfen wird. Ist halt in erster Linie eine Nervensache. Im Übrigen: Es gibt einen enormen personellen Überhang in unserer Branche. Und jährlich drängen ein paar hundert mehr auf den Markt. In diesem Job ist Erfahrung alles.

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