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Der gute Mensch Geissler
Von M. M., 06. Juni 2007 – 14:16:00
Den Herrn Geissler anzuwerben, das war ein gelungener PR-Coup des "Vereins für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der Bürger", besser bekannt unter den Kürzel "attac". Mit Herrn Geissler ist die in Frankreich gegründete, linksextreme Bewegung auch im deutschsprachigen Raum salonfähig geworden.
Der etwas in Vergessenheit geratene Herr Geissler, der seinen politischen Zenit Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts mit dem gescheiterten Putschversuch gegen Helmut Kohl überschritten hatte, darf seit seiner Neumitgliedschaft bei "attac" auf allen Kanälen die recht abstrusen Ideen der sogenannten "Globalisierungskritiker" zum Besten geben.
Ja wer möchte das denn nicht, Gerechtigkeit auf Erden. Jetzt oder zumindest in absehbarer Zeit. Ich meine, wer möchte das nicht, ausser mir.
Das Glaubensbekenntnis der Organisation, das Herr Geissler heute am Schweizer Radio DRS fast wörtlich runtergebeten durfte, lautet:
Die Globalisierung der Finanzmärkte verschärft die wirtschaftliche Instabilität und die gesellschaftlichen Ungleichheiten. Sie missachtet die Entscheide der Völker und übergeht die demokratischen Institutionen und ihre Souveränität, offizielle Hüter des Allgemeinwohls. An ihre Stelle tritt die Logik der Spekulation, die allein den Interessen der transnationalen Unternehmen und der Finanzmärkte entspricht.
Im Namen dieser weltweiten Entwicklung, die man als Naturgesetz darstellt, wird den BewohnerInnen und ihren gewählten VertreterInnen noch mehr das Recht abgesprochen, über ihre eigene Zukunft zu bestimmen. Diese Erniedrigung, diese Ohnmacht bildet einen fruchtbaren Boden für antidemokratische Kräfte. Es ist dringend notwendig, diesem Prozess mit Hilfe neuer Instrumente der Regulation und Kontrolle auf nationaler, europäischer und weltweiter (internationaler) Ebene Einhalt zu gebieten. Die Erfahrung zeigt, dass die Regierungen dies nicht selbst tun, wenn sie nicht "von unten" dazu angehalten werden.
Tönt doch gut. Ein bisschen regeln und überwachen, ein wenig enteignen und kontrollieren, dazu jede Menge Steuern abschöpfen und schon ist die Welt in Ordnung.
Dies wäre wohl am einfachsten zu erreichen, die Leute von "attac" würden eine politische Partei gründen und sich in die nationalen Parlamente wählen lassen. Dann könnten die Neo-Kommunisten das internationale Steuersystem per Gesetzesvorlagen in ihrem Sinn umkrempeln, im Deutschen Bundestag mit Herrn Geissler als Fraktionsführer und als Gesinnungsgenossen von Herrn Lafontaine. Das wäre ein Ding!
Oder gehen die davon aus, dass sie zwar ein paar tausend Leute auf die Strasse bringen, aber nicht genügend Wähler an die Urnen? Meinen die etwa mit "antidemokratischen Kräfte" sich selbst?
Das bisschen Demo in Mecklenburg-Vorpommern wird die Welt nicht verändern. Und sie beeindruckt wohl kaum jemanden wirklich. Denn schon nächste Woche zieht die Karawane weiter. Die parlamentarischen Prozesse bezüglich Steuern laufen hingegen auch ohne den Steuerverein "zum Wohle der Bürger". Sie sollen überall gesenkt werden.
In Frankreich übrigens, wo der Verein seinen Ursprung hat, hat "attac" an der Urne eine geradezu vernichtende Niederlage einstecken müssen. Das Volk wählte in freier und geheimer Wahl Herrn Sarkozy. Zu blöd.
- 4.0
- | Kategorie: Politik
Kommentare
Kommentare als RSS-Feed
Zu Ende denken.
- Von: Suslow
- , 09. Juni 2007,
- 11:36
In der westlichen Welt gibt es zur Zeit keine anderen Leitlinien als die, welche die Vordenker Rousseau und Voltaire gelegt haben. Das spannende daran ist, wie sich einzelne Akteure (Tony Blair zum Beispiel) knallhart, konsequent und erfolgreich in beiden Regalen bedienen.
Der Hinweis auf die "Schattenfinanzmärkte" ist zwar richtig, aber: Nur wo Licht ist, kann es Schatten geben. Würde man die Befürchtungen zu Ende handeln (nicht nur denken), dürfte niemand mehr Steuern erheben, denn irgendwo, z.B. in Monaco, geht es ja auch ohne.
Die Welt und die ihre Einzelteile lenken, sei es globalisiert, hat einen hohen moralischen Anspruch. Dieser ist darzustellen. Manchmal sind es Chaoten, die es tun. Gut so. Die Vernünftigen können ja dann die Regeln aufstellen, die der Praxis und einem einigermassen gehobenen ethischen Standard entsprechen.
Danke für diesen Hinweis auf die Vernünftigen.
- Von: Osservatore Profano
- , 09. Juni 2007,
- 12:00
Die haben es bekanntlich am schwersten, weil unter Dauerbeschuss von moralisierenden Extremisten und religiösen Dogmatikern stehen. Die Unvernünftigen sterben nicht aus, wie sich das Peter Handke vorgestellt hat. Persönlich halte ich mich deshalb, obwohl Schweizer wie der hochemotionale Rousseau, eher an den rationalen Skeptiker (und Praktiker - "Il faut travailler notre jardin") Voltaire.
Pawlow
- Von: Demoscoop
- , 07. Juni 2007,
- 01:57
"Den Herrn Geissler anwerben" "PR-Coup". Denkt ihr.
Den Herrn Geissler anwerben geht gar nicht. Schon seit 20 Jahren nicht mehr. Das war der einzige, der die Kohl-Mania rechtzeitig zuende gedacht hat. Und nicht mehr mitmachte.
Der Heiner Geissler, das ist ein Christ und ein Bergsteiger. Ich bin beides nicht, stattdessen fluche und rauche und saufe ich. Der Mann hat ein Sendungsbewusstsein und einen Impetus, dass es nur so kracht.
Leider ist er kein Machtmensch, sondern nur ein Denk- und Fühlmensch. Sonst wäre aus ihm mehr geworden in Deutschland.
Finde es toll, dass er zu Attac steht. Zu einem globalen Anspruch. Und zu einem nicht dummen Ansatz. Chaoten hin oder her. Dank ihm werden sich noch ein paar andere vernünftige Menschen damit beschäftigen.
Finde die Kommentare hier zu flüchtig und zu schnell. Pawlowsch.
Man könnte auch mal denken.
Bravo Pawlow
- Von: Horst Schulte
- , 09. Juni 2007,
- 00:18
Ich möchte nicht hoffen, dass das ein pawlowscher Reflex war, denn ich fand Ihre Worte zutreffend und sehr berechtigt.
Bei denjenigen, die marktorientiert denken (um das Wort "neoliberal" nicht zu bemühen) löst der Name Geißler einen solchen Reflex aus. Das mag ich auf der einen Seite ja noch verstehen, angesichts der deutlichen Worte, die Geißler in diesem Zusammenhang immer wieder ausspricht.
Mich stört die Tatsache, dass wirklich viele Menschen sich um die Entwicklung, die durch die Globalisierung rasend schnell voranschreitet, große Sorgen machen und die erkennbaren Ungerechtigkeit, die sie zunächst einmal auch höchst persönlich betreffen, klar beim Namen nennen, von denen, die diesen vermutlich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch intellektuell überlegen sind, einfach nicht ernst genommen werden.
Stoppt die Kapitalisten
- Von: p2fg
- , 06. Juni 2007,
- 18:30
Die unmenschliche Globalisierung muss gestoppt werden. Stoppt die Kapitalisten. Stoppt Bush, diesen Verbrecher!
Neo-Primitiver
- Von: XXL
- , 06. Juni 2007,
- 21:17
Auch so ein Neo-Primitiver, der hier an die Wand pinkelt. Mich wundert, weshalb man die Kerle nicht als das bezeichnet, was sie wirklich sind: Primitive Gewalttäter und Randalierer. Deren Tun hat mit Politik oder Ant-Globalisierung nichts zu tun. Höchstens die Tatsache, daß dieses Pack dank tiefen Flugpreisen rund um den Globus jettet, um zu randalieren, hat etwas mit der Globalisierung zu tun. Heiner Geißler gehört ensorgt, ihn Ehren versteht sich.
einfache Antworten
- Von: Horst Schulte
- , 09. Juni 2007,
- 00:22
Ihr Pseudonym, verehrter Neo-Primitiver, ist gut gewählt!
Wenn dem Mob
- Von: anaximander
- , 06. Juni 2007,
- 16:07
trotz allen "guten Zuredens" Gelegenheit geboten wird, sich zusammenzurotten und um oder hinter den "Schwarzen Block" zu scharen, den Sicherheitszaun zu überwinden und die Gipfler über den Haufen zu werfen, sind Geißler und Attac bereits an der Macht. Sie müssen nur noch Lafontaine und Gisy holen - und schon ist ihnen der Sieg sicher....
So ein Unsinn
- Von: Politicus
- , 06. Juni 2007,
- 16:56
Einen solchen Unsinn kann man nur schreiben, wenn man meint, zu den Globalisierungsgewinnlern zu gehören. Mit Verlaub - Sie haben keine Ahnung. Oder wollen keine Ahnung haben. Weil die Wahrheit unbequem ist. Attac legt den Finger in die offenen Wunden des Casino-Kapitalismus (ja, ich zitiere bewusst Jean Ziegler!).
Der G-8-Gipfel gehört schlicht und einfach abgeschafft. Dann hätten wir beide Ruhe - sie vor Attac und ich vor diesen Grosskotzeten, die weit entfernt vom einfachen Volk die Welt beherrschen wollen.
Ihre Amerikagläubigkeit ist notorisch, ihr Zynismus auch. Aber zum Glück haben nicht Sie das sagen sondern die Gerichte. Und die hauen Ihnen und ihresgleichen zwischendurch mal eine auf die Birne. Wie das Bundesgericht letzte Woche.
Habe fertig.
Naja
- Von: rote fahne deluxe
- , 07. Juni 2007,
- 10:38
Es gibt fast nur Globalisierungsgewinner auf der Welt, werter Politicus. Ohne internationale Arbeitsteilung (Stichwort: komparative Kostenvorteile), einigermassen freien Verkehr für Waren, Dienstleistungen und Kapital wären nicht nur die Industrieländer ärmer dran, sondern auch die Entwicklungsländer. Die stark in die Weltwirtschaft eingebundenen Länder haben nicht nur einen in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenen Wohlstand erreicht (und nicht zu vergessen: tiefe Kindersterblichkeit, höchster Alphabetisierungsgrad, höchste Lebenserwartung, Zugang zu Informationen, praktisch keine absolute Armut mehr), diese internationale Verflechtung hat auch Kriege verhindert. Es gibt in der jüngeren Geschichte kein Beispiel für einen Krieg zwischen weltwirtschaftlich stark integrierten Ländern. Das ist auch logisch: Es hat aus Sicht der Casino-Kapitalisten keinen Sinn, sich mit einem wichtigen Handelspartner zu streiten.
Ich frage mich zudem, woher eine Organisation wie "attac" die Legitimation hernimmt, die Abschaffung der G-8 zu fordern. Einverstanden, man könnte die Gipfel auf einer Pazifik-Insel oder auf einem Kreuzschiff veranstalten, um Kosten und Unannehmlichkeiten für die Bewohner zu vermeiden. Immerhin wurden die Gipfel-Teilnehmer in ihren Ländern demokratisch gewählt, während die Organisationen und Parteien der radikalen G8-Gegner nur einen sehr kleinen (und radikalen bis undemokratischen) Teil der Bevölkerung hinter sich weiss. Ich habe den Verdacht, dass es sich bei vielen "attac"-Heulsusen um Frustrierte handelt, die den Untergang des Sozialismus noch immer nicht verkraftet haben.
Denk-und Fühlmensch H.G.
- Von: F. Hoffmann
- , 09. Juni 2007,
- 01:45
In den Kreisen der CDU Südpfalz kennt man Herrn G. auch als brutalen Machtmenschen, der mit gleicher Kaltschnäuzigkeit Konkurrenten absägte , wie Kohl ihn selbst.
Man kennt ihn als den Mann, der sich schon immer, ich zitiere aus einer Email, "als einziger Seher und Retter für alle Probleme der Menschheit" sieht.
Weniger dezent formuliert: vor Selbstverliebtheit nur so trieft.
Und kann aus eigener Anschauung nur sagen, das er sich zwar vorgeblich für die Probleme aller Leute interessiert, wenn´s ihm selbst aber nicht dient, andere Leute oder Meinungen ihm völlig wurscht sind.
Aber vielleicht muß man nur genug Abstand zu ihm haben, um ihn als großen Mann zu sehen.
Bei Jim Knopf (Augsburger Puppenkiste) gab es Herrn Turtur, den Scheinriesen. Aus der Ferne wirkte er riesig, je näher man ihm kam, umso kleiner wurde er. Ganz nah war er ein kleines Männchen.
Geißler hat eine offene Wunde: Er fühlte sich zu Höherem berufen, hat sich aber durch eigene Dummheit und Selbstüberschätzung aus dem Spiel gekegelt.
Scheint immer noch zu schmerzen.
Der tumbe Kohl hat den intelligenten Heiner... Neenee.
Südpfalz, Interlaken und die Welt
- Von: Demoscoop
- , 09. Juni 2007,
- 05:49
ok. für was Sie schreiben, kriegen Sie den Punkt. (Ich war da mit dem "Christen und Bergsteiger" offenbar zuwenig zynisch. Oder zu unklar.)
Ich hatte die "Gunst", vor ganz vielen Jahren, mit H.G. in Interlaken einen Abend lang intensiv zu debattieren und streiten. Das war nicht lange nach seinem Gorbatschow-Ausfall.
In der Auseinandersetzung habe ich einen streitbaren Menschen kennengelernt, der Lust hat auf Neues und auf Wagnisse.
Das hat mich, der als Wahlkämpfer für die FDP (und in der damaligen Logik auch die SPD) unterwegs war, geweckt.
Die Attac-Idee einer Transaktions-Steuer im Finanzmarkt überzeugt mich.
Natürlich ist völlig unklar, wie man dieses klug generierte Geld dann auch wieder klug ausgibt.
Aber so eine Sache kommt nicht einmal in einen Diskussions-Status ohne Identifikationsfiguren wie zum Beispiel H.G.
Egal, was er in der Südpfalz geleistet hat. (Wahrscheinlich einiges. Aber eben.)
Backlinks
- http://www.google.com/search?q=attac+christ&hl=en&clien…
- http://www.google.de/search?hl=de&q=kann+man+von+einem+…
- http://www.google.ch/search?hl=de&cr=countryCH&sa=X&oi=…
- http://search.live.com/results.aspx?q=geissler&mrt=en-u…
- http://www.google.ch/search?hl=de&q=scientology+arleshe…
- http://www.google.de/search?hl=de&q=Kohl+%2B+Gei%C3%9Fl…
- http://www.google.de/search?hl=de&q=wann+ist+jemand+wir…
- http://search.live.com/results.aspx?q=geissler
- http://www.google.de/search?hl=de&client=firefox-a&rls=…
- http://www.bing.com/search?q=geissler
- http://www.antibuerokratieteam.de/2007/06/
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Für oder gegen "Globalisierung" ist zu einfach,
denn es geht um Wertvorstellungen und Problemlösungsfantasien,
die aus den Denk- und Handlungstraditionen der beiden grossen und nachhaltig wirksamen philosophischen Provokateuren des 18.Jahrhunderts, Voltaire und Roussau stammen.
Die Disziplinierung der Finanzmärkte über Gewinnabschöpfungen ist deshalb illusorisch, weil schon heute ein absolut unkontrollierbare Schattenwirtschaft mit gigantischen Geldströme neben den offiziellen Finanzmärkten vorbei besteht, mit einer grossen historischen Tradition: die papierlosen, dokumentationsfreien,auf Treu und Glauben und mündlichen Vereinbarungen bestehenden Transaktionen in den vorindustriellen islamischen Gesellschaften. Wenn es attac gelingt, die sichtbaren Finanzmärkte zu knebeln, wird das einzige greifbare Resultat ein Ausweichen der Spekulationswilligen auf Varianten dieser vorindustriellen,
religiös basierten Schattenwirtschaften sein.
Globalisierung ist ein Phänomen, das nicht nur die Wirtschaft betrifft. Neben der römisch-katholischen Kirche als religiösem Gobal Player mit historisch gewachsenen Know How wird nun eben auch der militante Islam zum religiösen Global Player, und kleinere fundamentalistische Bewegungen bis hin zur Scientology Kirche stossen nach. Auf der politischen Ebene bekämpfen sich die Jünger Rousseaus (die Sozialisten) und diejenigen Voltaires (die Liberalen) solange, bis beide vom religiösen Fundamentalismus
zertreten werden.
Es ist höchste Zeit, dass auch diese Perspektive mal in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten.