Arlesheimreloaded - Mäuse schultern Elefanten

China

„Unser grösstes politisches Problem ist China“, sagte Herr Bush am G-8-Gipfel. Vielleicht sollte man auf ihn hören. Denn das Reich der Mitte (Zhong Guo 中国) ist dabei, die Weltwirtschaft nachhaltig zu verändern.

Wären wir nicht so impertinent mit dem Ziselieren unserer satten Lebensumstände beschäftigt, müsste uns die Tatsache in höchste Alarmstimmung versetzen, dass nicht ein der freien Marktwirtschaft oder von mir aus, ein der Sozialen Marktwirtschaft verpflichtetes Land sich aufgemacht hat, die Weltwirtschaft einschneidend umzugestalten, sondern eine kommunistische Diktatur.

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Bedrohung, die von China ausgeht, ist einiges gefährlicher als der militante Islam. Selbst das Muskelspiel Russlands ist dagegen eine lächerliche Posse.

China widerlegt das bis heute geltende westliche Axiom, wonach es für eine florierende Wirtschaft, wissenschaftlichen Fortschritt, bürgerliche Freiheitsrechte, ein demokratisches System, freie Forschungstätigkeit, die offene, pluralistische Gesellschaft, gepaart mit Innovationskraft, braucht.

Chinas Wirtschaftsmodell ist das der zentral gesteuerten Einparteiendiktatur, gepaart mit Innovationskraft. "Kommunistisch" ist dabei nur ein Etikett ohne Inhalt. Durchreguliert, ist vielleicht das treffende Stichwort. Singapur ist die kapitalistische Ausgabe desselben, von Konfuzius vor über 2000 Jahren geprägten gedanklichen Systems.

Um die Welt zu erobern braucht es heute keine Armee mehr. Geld reicht. China sitzt auf überquellenden Truhen. Allein im letzten Jahr sind die Devisenreserven Chinas um sage und schreibe weitere 37 Prozent angewachsen.

Jüngsten Angaben der chinesischen Zentralbank zufolge haben Ende März 2007 die Devisenreserven Chinas den Betrag von 1,2 Billionen US-Dollar überschritten, tausendzweihundert Milliarden Dollar!

Rund 200 bis 300 Milliarden Dollar will China dieses Jahr in westliche Unternehmen investieren. Aus gutem Grund, wie die chinesische Regierung über ihre Botschaften-Website verbreitet:

Die Investitionen wurden bisher hauptsächlich in vertrauenswürdige Schuldscheine der Regierungen oder internationale Anleihen getätigt. Derartige Investitionen haben ein niedriges Risiko, bringen aber auch nur geringe Erträge. Finanzexperten erwarten, dass die Gründung des geplanten staatlichen Unternehmens für Deviseninvestition für die Investition der chinesischen Devisenreserven eine bedeutende Wendung einleiten wird. Eine Steigerung der Ertragsrate der Devisenreserven hat in den Augen der Experten ebenfalls Aussicht auf Erfolg.

Darüber hinaus beinhaltet der Vorschlag der Zentralbank, zukünftig die Möglichkeiten für Investitionen chinesischer Unternehmen und Privatpersonen im Ausland auszudehnen und Investitionen in ausländische Finanzmärkte, Aktien und Fonds anzuspornen. Ausserdem sei es sinnvoll, direkt in neue Unternehmen im Ausland zu investieren.

Während wir uns noch über die richtige Strategie bei der Entwicklungshilfe für Afrika streiten und ausser dem Bohren von Brunnen, ein bisschen Aidshilfe und ein paar Frauenprojekte kein wirkliches Konzept haben, macht China Nägel mit Köpfen.

Ohne moralische Bedenken verhilft es Afrikas Diktatoren zu billigen Krediten, die, anders als jene der Weltbank, nicht mit politischen Auflagen verknüpft sind, tätigt das Land in neo-kolonialer Manier Investitionen in die lokale Infrastruktur, alles mit nur einem Ziel: sich den  uneingeschränkten Zugang zu den Rohstoffquellen Afrikas zu sichern. 

Und auf unserer Dorfebene könnte die chinesische Einkaufstour so aussehen, dass das bei Novartis geparkte 30-Prozent-Aktienpaket der Roche nach einem erneut abgeschmetterten Fusionsantrag des Herrn Vasella an die Chinesen geht. Was will Novartis sonst damit machen?

In China mit seinen 1,3 Milliarden Menschen geht praktisch alle zwei Tage ein neues Kohlekraftwerk ans Netz.  Das Handelsdefizit der EU gegenüber der Volksrepublik betrug im letzten Jahr 130 Mia. Euro, Tendenz steigend. Die EU führt weniger Güter und Dienstleistungen nach China aus als sie in die Schweiz exportiert.

Das Kapital wird – frei nach Marx – zum weltweiten Kommandomittel der Chinesen über die menschliche Arbeitskraft. Und  - Ironie der Geschichte – nicht böse Kapitalisten sondern die kommunistisch inspirierte chinesische Staatswirtschaft bündelt am Ende des Globalisierungsprozesses alle wirtschaftliche Macht.  

Kommentare RSS: title= Kommentare als RSS-Feed

Milton Friedman

  • Von: Thomas
  • , 08. August 2007,
  • 01:05

Dazu hat sich auch einer der Väter des Neoliberalismus, Milton Friedman im NZZFolio 04/06 geäussert:

«Ich habe im Laufe meiner Karriere oft über die Verbindung zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit geschrieben. Heute würde ich das etwas feiner auffächern und drei Arten von Freiheit unterscheiden: wirtschaftliche, politische und schliesslich die Freiheit des Bürgers. Hongkong ist der Beweis dafür, dass politische Freiheit keine notwendige Bedingung für wirtschaftliche Freiheit ist.
[...]
Die Frage, ob freie Märkte automatisch zu einer freien Gesellschaftsordnung führen, lässt sich nur schwer beantworten. Sie führen in vielen Fällen zu mehr Demokratie. Nehmen wir zum Beispiel China. Die Entwicklung freier Märkte führt dort zu etwas, was ich zwar nicht unbedingt Demokratie nennen möchte, denn dieses Wort hat so viele Dimensionen, aber die freien Märkte erfüllen eine viel fundamentalere Funktion. Sie erlauben es Menschen, selbst wenn sie einander hassen oder verachten, miteinander umzugehen, Verträge zu schliessen. Sie sind der einzige Mechanismus, um Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen zur Zusammenarbeit zu bewegen.»

Chinesen keine Marionetten

  • Von: Paule
  • , 12. Juni 2007,
  • 17:42

China wird sich nicht einfach so weiterentwickeln können. Die gigantische Umweltverschmutzung wird die Menschen mobilisieren. Die chinesische Geschichte kennt die Revolution zur Genüge.

Hier ein Beispiel von der ARD:
Seit Jahren beklagen sich Bürger in den angrenzenden Wohngebieten über Gestank, Übelkeit, Krankheiten. Ihre Beschwerden werden ignoriert. Manche Siedlungen sind von Polizei umstellt. Nichts soll nach draußen dringen. Unerkannt sind wir hier reingekommen. "Manche müssen sich übergeben, wenn es wieder besonders schlimm stinkt" sagt ein Bewohner. "Warum haben sie diese Fabrik so dicht an unsere Häuser gebaut ? Für uns alle ist es furchtbar. Eigentlich kann man hier nicht mehr leben.%u201C Ein anderer: "Die Regierung will nur den Profit. Die Gesundheit von uns einfachen Menschen ist denen da oben völlig egal. Es bleibt ein Tabu, die Luftvergiftung und ihre Wirkung auf unsere Kinder." Und damit beginnt die Geschichte eines ungewöhnlichen Widerstandes im modernen China. Ein kleines Teehaus in Xiamen.

Mehr hier: http://www.daserste.de...

Tatsächlich

  • Von: bd
  • , 12. Juni 2007,
  • 14:59

Tatsächlich. Diese Ironie, dass der eigentlich als «besiegt» geglaubte Kommunismus nun in chinesischer Prägung aufholt und sich anschickt, den westlichen Kapitalismus, der vormals als «Leitkultur» weltweit verehrt wurde, gnadenlos zu «historisieren», ist wahrhaft eine ohnegleichen der menschlichen Geschichte.

Angenommen

  • Von: Markus Schöpfer
  • , 12. Juni 2007,
  • 13:03

der Artikel behält recht!

Dann sind wir halt in 100 Jahren ein reines Touristen-Land für die Chinesen, mit ein bisschen Hig-Tech und ein paar Banken......

Vor hundert Jahren war der Schweizer noch auf den Feldern mit Ernten beschäftigt, und heute sieht unsere ARbeitswelt ganz anders aus. Welchen Strukturwandel wir bis in 100 Jahren durchmachen werden, werden unsere Kinder und deren Kinder erleben.....

Auf China, denn dank China haben wir seit 2 Jahren wieder einen richtigen Aufschwung, und keine Rezession. Hätten wir Rezession, hätten wir gar keine Lust und wir könnten uns den Luxus nicht erlauben, uns mit solchen Entwicklungen zu beschäftigen, die in nächster Zeit irrelevant sind.

Roche alleine hat 39 Milliarden US$ an equity ...

  • Von: PCF*
  • , 12. Juni 2007,
  • 12:43

http://www.roche.com/i... ... werter Double M.

... Vielleicht möchten Sie die mehr als gschpässigen Zahlen punkto Börsenkapitalisierung der Top Ten Pharmaceuticals überprüfen? 200 Milliarden Dollars ex unserer konfuzianischen Freunde dürfte also knapp, zB, für Roche reichen. ... aber es wäre noch immer ein Unternehmen von der Relevanz Roche' pro Jahr, nach Fernost! Natürlich ist Roche meinerseits speziell deshalb als Exempel geführt, weil die unter der Ägide von Sacher eben so clever waren, sich mittels Stimmrechtsaktien abzusichern, was übrigens noch immer rechtens ist ... Zudem sei darauf hingewiesen, dass China exklusive deshalb wächst, wie es wächst, weil - mit einigen, im Gesamtkontext irrelevanten Ausnahmen - der Rest mehr oder minder frei ist.

Wo Sie hingegen Recht haben: Die Chinesen amüsieren sich wohl Tag für Tag köstlich über die - aus ihrer und aus meiner Sicht - absolut, total, völlig degenierten Demokratien des Westens, mit der löblichen Ausnahme von Frankreich!

sorry.

  • Von: Nachtrag
  • , 12. Juni 2007,
  • 14:29

zweitletzte Zeile muss natürlich lauten: degenerierten Demokratien des Westens, mit der löblichen Ausnahme von Frankreich!

Und dem Herrn nach mir die Empfehlung, zu beobachten, was drüben passiert, seit dem 6. Mai a.c.

an den Herrn Nachtrag

  • Von: Markus Schöpfer
  • , 12. Juni 2007,
  • 16:49

werde ich tun - ich bin sowieso sehr frankophil, sodass das bei mir eigentlich automatisch passiert.

Wenn wir etwas nach Norden schauen, und die Frau Merkel wirken sehen, sehen wir, dass sie trotz ihrer klaren Vorstellungen nicht an der politischen und gesellschaftlichen Realität vorbeikommt.

Meinen Sie, dass das der Herr Sarkosy schafft?

Für mich gehört Frankreich zu den grossen europäischen Sozialdemokratien, die halt jetzt etwas straffer geführt werden, die aber trotzdem nicht einfach Sozialgeld, Arbeitslosengeld, oblg. Krankenkasse und Rentenversicherungen zusammenstreichen, bis die Armen und Kranken im Bidonville leben. Sie werden sogar sehen, dass Herr Sarkosy nach seinem Trammpeln im Porzelanladen seine feinfühlige Seite entwickeln wird. Wollen wir wetten?


Sarkozy wird, wie ich hoffe, den 'Laden' ...

  • Von: PCF*
  • , 12. Juni 2007,
  • 17:11

in der 1. Amtszeit aufwand- und ertragsstrukturell integral sanieren und mit Elan in die Zweite gelangen um sodann die 'heiligen Kühe' zu schlachten. Will heissen, dass ab 2012 ENA-Unternehmen an die Börse gebracht werden, just in einer Aktionärsstruktur, wie sie Roche seit Jahrzehnten mit durchschlagendem Erfolg pflegt.

sehen Sie sich das Video an

  • Von: Markus Schöpfer
  • , 12. Juni 2007,
  • 18:07

Sarkozy nach dem Gespräch mit Putin - viel Spass

http://www.youtube.com... />
vive les refomres en France.............

und ich hoffe,

  • Von: Markus Schöpfer
  • , 12. Juni 2007,
  • 17:48

dass der Bordeaux auch dann noch aussergewöhnliche Weine hervorbringt und dass der Camembert würzig bleibt. Weiter hoffe ich, dass die Tarte Tatin mmer noch mit echten Äpfeln gemacht werden wird, und dass die Nousse au Chocolat ebenfalls immer frisch zubereitet werden wird, und nicht durch Lebensmittelkonzerne, die mit ENA-Abgängern gespickt sind und an der Börse sind, verpfuscht werden.

Natürlich muss auch der Crémant d'Alsace weiterhin frisch sprudeln, und die Flammenkuchen einen angenehmen Geruch verbreiten.

Zudem sollte der Mistral im Sonner täglich blasen, wer will den schon auf seiner Segelyacht eine Flaute erleben, und weiter hoffe ich, dass Mimosa im Frühling blühen werden.

Wie ich das sehe besteht sowieso keine Gefahr für niemanden, denn alles was der Sarkozy erereichen wird, ist der Ausbau der¨atomaren Überseeflotte, und die Vergrösserung des Gendarmerie Effektives, was mangels Repressionsaufgaben weiterhin friedlich den Bordeaxu und den Camembert in Mittagspause genisssen wird.

Viva la France - avec les défauts qu'une grande culture fête!

E-Mail

  • Von: M.M.
  • , 12. Juni 2007,
  • 18:38

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Ich weiss nicht, warum

  • Von: Markus Schöpfer
  • , 12. Juni 2007,
  • 12:54

in diesem Zusammenhang Frankreich eine Ausnahme sein sollte!

Meinen Sie die Chinesen werden die 35h Woch einführen?

Hat Frankreich Armenviertel wie China (Slums), sodass der Staat die verfügaren Mittel anstatt in die Sozialwerke in die Stärkung der Wirtschaft steckt?

Ich glaube, auch Frankreich sitz mit uns im Westen im selben Boot, dass vielleicht einmal mit einer Chinesischen Reisschale versenkt wird.

Einsicht

  • Von: Politicus
  • , 12. Juni 2007,
  • 11:48

Die letzten beiden Sätze zeugen von einer tiefen Einsicht ;-), der Beginn eines Sinneswandels gar?

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